Hochrisikomedikation — Rechtliche, fachliche und ethische Aspekte der Medikamentengabe in der stationären Kinder- und Jugendhilfe
Sie geben Medikamente, weil es sonst niemand tut.
Aber kennen Sie Ihr rechtliches Risiko?
Es beginnt harmlos: „Kannst du dem Leon kurz seine Tablette geben?"
Drei Monate später stehen Sie mit einem Benzodiazepin in der Hand vor einem Jugendlichen in der Krise — ohne Arzt, ohne Ausbildung, ohne rechtliche Deckung.
„Das ist nur eine Tablette." Verordnung liegt vor. Scheint risikoarm.
Medikamentengabe steht im Dienstplan. Neue Kolleg:innen werden „eingearbeitet". Niemand fragt mehr.
Statt Paracetamol stehen Quetiapin, Methylphenidat, Aripiprazol im Plan — Psychopharmaka mit komplexen Nebenwirkungsprofilen.
„Bei Bedarf" bedeutet: Sie müssen eine klinische Entscheidung treffen. Das ist keine Ausführungshandlung mehr.
Nachtdienst. Allein. Jugendlicher in Erregung. Kein Arzt erreichbar. Der Graubereich ist zur Falle geworden.
Für die Pädagoginnen und Pädagogen an der Basis,
die täglich in einem System arbeiten,
das Verantwortung nach unten drückt,
wo Klarheit nach oben gehört.
Dieses Buch entstand aus einer einfachen Beobachtung: In der stationären Kinder- und Jugendhilfe treffen medizinische Fragen auf pädagogischen Alltag – ohne dass ärztliche Präsenz die Regel wäre. Was entsteht, ist eine riskante Kultur der Grauzone: Sozialpädagog:innen verabreichen Medikamente, weil „es sonst niemand tut", weil „das Kind es braucht", weil „der Nachtdienst allein ist".
Die Realität ist: Niemand hat diesen Mitarbeiter:innen jemals gesagt, dass das, was sie tun, rechtlich problematisch sein könnte. Im Gegenteil – oft wird es stillschweigend erwartet, manchmal sogar angeordnet. Das Problem ist nicht der einzelne Mitarbeiter, der hilft. Das Problem ist ein System, das Verantwortung systematisch nach unten verschiebt.
Es beginnt harmlos: „Kannst du dem Leon kurz seine Tablette geben?" Die Tablette liegt schon bereit. Was soll schon passieren?
Drei Monate später: Nachtdienst, allein, Angstanfall. Im Plan steht: „Bei Bedarf: Lorazepam 1 mg." Das ist das Hineinrutschen: Aus einer Gefälligkeit wird eine Erwartung. Aus einer Erwartung wird eine Routine. Aus einer Routine wird eine stille Verantwortungsübernahme, die niemand jemals explizit angeordnet hat – und die niemand explizit verantworten will.
Lorazepam (Handelsname Tavor) gehört zur Gruppe der Benzodiazepine – ein hochwirksames Psychopharmakon. Es wirkt sedierend, muskelrelaxierend, angstlösend. Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren: kontraindiziert, außer nach strenger Indikationsstellung in klinischem Setting.
Besonders gefürchtet: Paradoxe Reaktionen — statt ruhig zu werden, reagiert das Kind mit gesteigerter Aggression, Wut oder Halluzinationen. Und in Kombination mit anderen dämpfenden Substanzen: lebensgefährliche Atemdepression möglich.
„Dieses Medikament soll von einer Pädagogin im Nachtdienst, allein, ohne ärztliche Aufsicht, an ein Kind in einer Krise verabreicht werden. Das ist kein Graubereich. Das ist eine Hochrisikosituation."
Was die pädagogischen Fachkräfte erleben, lässt sich als dreifache Zange beschreiben:
Von oben (Behörde): Die Aufsichtsbehörde signalisiert, dass eine Delegation möglich sei — arbeitet aber an einer begrifflichen Konstruktion, die dem gesetzlichen Auftrag widerspricht.
Von der Seite (Klinik): Das behandelnde Krankenhaus verordnet Bedarfsmedikation, verweigert aber schriftliche Konkretisierungen. Die Rückmeldung: „gesunder Hausverstand". Die implizite Drohung: Wer nicht verabreicht, gefährdet das Kindeswohl.
Von unten (eigenes Gewissen): Die Fachkraft sieht das Kind, das leidet. Sie will helfen. Sie spürt den moralischen Druck, der stärker ist als jede Rechtsnorm.
„Wir lehnen die Verantwortung nicht ab, weil wir faul sind. Wir lehnen sie ab, weil wir professionell ehrlich sind."
Das 6-Schritte-Prüfschema zeigt Ihnen in jeder Situation: Darf ich das? Muss ich das? Und was passiert rechtlich, wenn etwas schiefgeht?
Warum Lorazepam, Quetiapin und andere Psychopharmaka in den Händen von Laien ein unkalkulierbares Risiko darstellen — konkret erklärt, ohne Fachsprache.
Wie Sie gegenüber Leitung, Trägern und Kliniken klar und professionell Grenzen setzen — ohne Pflichtverletzung fürchten zu müssen.
Das Buch benennt strukturelle Missstände — und zeigt konkret, was Leitungen, Träger und Gesetzgeber ändern müssen, damit Kinderschutz und Mitarbeiterschutz zusammenwachsen.
„Am Ende steht wieder die Sozialpädagogin im Nachtdienst — mit einer Tablette in der Hand und einer Rechtskonstruktion im Rücken, die im Schadensfall niemanden schützen wird."
„Sobald Sie sich fragen müssen: ‚Ist es jetzt soweit?' — dürfen Sie das Medikament nicht geben. Sie sind nicht qualifiziert, diese Frage medizinisch-rechtlich verbindlich zu beantworten."
„Die Rote Linie schützt nicht nur den Mitarbeiter vor dem Staatsanwalt — sie schützt die pädagogische Beziehung vor der Medizinisierung."
„Der Standard ist nicht ‚Wir machen es irgendwie möglich.' Der Standard ist: Unterlassen und Eskalieren an medizinische Profis."
Sie arbeiten in einer Wohngruppe und geben Medikamente, weil es zum Dienstalltag gehört — und Sie wissen nicht genau, wo die rechtliche Grenze liegt.
Sie tragen die Verantwortung für den Medikamentenprozess in Ihrer Einrichtung und wollen wissen, wie Sie Ihre Mitarbeiter:innen schützen.
Sie brauchen eine fundierte Grundlage für Dienstanweisungen, Qualitätssicherung und die Gestaltung rechtssicherer Strukturen.
Sie werden diesen Situationen bald begegnen — und wollen vorbereitet sein, bevor Sie vor einem weinenden Kind mit Lorazepam stehen.
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Ein Buch, das jede Wohngruppe braucht.
ISBN 979-8252568263 · Michael Pietrowski · 1. Auflage 2026